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"Komm, o Tod, du Schlafes Bruder!"

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So heißt es im Bach-Choral, dem der Titel des gestrig in der Ringvorlesung Tod im Kino vorgestellten Films, Schlafes Bruder, entstammt. Neben der Musikgeschichte führte Bettina Wahrig natürlich auch ihre eigene Disziplin der Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte, sowie Literatur, Religion und Kunst ins Feld um dem Tod im Kino auf die Schliche zu kommen – ein wahrlich interdisziplinärer Vortrag!

Im Narrativ des vorgestellten Films wird ein gewisser Elias 1803 in ein lebensfeindliches Bergdorf geboren und mag erst gar nicht recht zu leben anfangen. Nur durch den fürchterlichen Verzweiflungs-Gesang der Amme wird er schließlich doch zum ersten Atemzug in Form eines Schmerzensschreis gedrängt – schon hier verdeutlicht sich seine besondere Beziehung zur Musik. Als Jahre später seine Cousine Elsbeth geboren wird, hört er ihr Herz schon von weitem noch im Mutterleib schlagen und macht sich zielstrebig auf den Weg zu einem Stein vor dem Dorf, auf dem er sich entkleidet und im Moment der Geburt eine Art Hörsturz nebst epileptischem Anfall erleidet, in dessen Folge sich seine Pupillen “pissgelb” (so Wahrig) verfärben und Blut aus seinen Ohren rinnt.

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Doch statt zu ertauben, nimmt seine Audiophilie göttliche bzw. dämonische Dimensionen an, die sein Schicksal von nun an bestimmen. Seine große Liebe Elsbeth hat nämlich kein Verständnis für Elias’ Leidenschaft und wendet sich von ihm ab und einem anderen zu. Während Elias sein erstes Orgel-Konzert in der Eschberger Kirche gibt und damit die Gemeinde in Ekstase bringt, koitiert Elsbeth im Schuppen mit Lukas, was Elias an ihrem Herzschlag bemerkt, den er permanent hören kann. Zudem wird die Orgel von ihrem unglücklich in Elias verliebten Bruder Peter per Blasebalg rhythmisch mit Luft versorgt, wodurch laut Wahrig eine “Liebesfuge” zwischen Gemeinde, Elias, Peter und Elsbeth entsteht, die der Film in einer ekstatischen Parallelmontage umsetzt. Elias bricht daraufhin auf dem Höhepunkt sein Spiel ab um Elsbeth zu suchen. Er erwischt sie und Lukas und beschließt, nachdem er sein Leben zum Abschied bei einem Organisten-Wettbewerb musikalisch umgesetzt hat, aus Liebe zu Elsbeth nicht mehr zu schlafen, da man im Schlaf nicht lieben kann. Nach sieben Tagen ohne Schlaf scheidet er dank der Unterstützung von Peter und einigen Tollkirschen mit wieder erblauten Augen dahin.
Soweit zum Film… doch es gibt ja noch das Buch, das sich teilweise stark von seiner kinematografischen Umsetzung unterscheidet. So steht die Kunst des Elias, durch die er im Film Elsbeth verliert, im Buch nicht im Gegensatz zur Liebe sondern auf ein und derselben Seite. Ein wichtiger Punkt, da die filmische Variante die Aktualisierung eines Klischees ist, in dem die “profane Frau” zwischen dem Mann und seinem Genie steht, wobei “normalerweise die Frau stirbt und die Kunst überlebt”, so Frau Klippel. Das Buch ist hier eindeutig kreativer. Zudem fielen bei der Film-Adaption, wie üblich, einige zentrale Charaktere dem eingeschränkten Budget zum Opfer – eine ganz andere, ökonomische Dimension vom Tod im Kino…
Frau Wahrig unterfütterte die gezeigten Filmszenen kompetent mit ihrem Wissen zu Geburtshilfe im 19. Jh., sowie den verschiedenen Giften, die Elias auf dem Weg aus dem Leben halfen. Doch auch auf anderen Gebieten konnte sie trumpfen und zog Parallelen zu Thomas Manns Dr. Faustus und der Hiob-Geschichte aus der Bibel. Anschaulich deckte sie den Konflikt zwischen Gott und den Menschen im Film auf und analysierte die Trias von Kunst, Liebe und Tod. Der Fokus war somit recht weit gefasst und manchmal war nicht ganz klar, ob es gerade um Film oder Literatur ging, was es zuweilen schwer machte, zu folgen. Doch wie schon in der letzten Woche war der Mehr- und Unterhaltungswert der Vorlesung insgesamt sehr hoch.

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Am 13.11. gibt es ja mit Der Name der Rose wieder einen Film zum Buch, in dem Schrift sogar selbst eine wichtige Rolle spielt. Mit dem jungen Typografen Jörg Petri steht auch dann wieder ein passender Wissenschaftler bereit um die Brücke zwischen verschiedenen Disziplinen und den verschiedenen Medien zu schlagen…
Bis nächste Woche dann!

Andi Weich

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