Zur Navigation - Metanavigation überspringen |
Zum Inhalt - Navigation überspringen |
Zur Marginalspalte - Inhalt überspringen |

Tod im Kino durch Schrift - Der Name der Rose

3a

Warum der Verzehr eines Buches tödlich sein kann und was Sherlock Holmes mit scholastischem Lesen zu tun hat erklärte der Typograf Jörg Petri gestern in seinem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Vortrag über den Film Der Name der Rose, der Teil der Ringvorlesung Tod im Kino war und wieder zahlreiche Zuhörer in die Filmklasse gelockt hatte.

Ein Teil der typografischen Disziplin ist die Semiotik, die Lehre der Zeichen. So verwunderte es nicht, dass Jörg Petri die Verfilmung eines Buches des Semiotikers Umberto Eco als Grundlage nahm um über Tod im Kino zu reden. Der Film von 1986 spielt in einer mittelalterlichen Abtei, in der zum einen zwischen angereisten Geistlichen geklärt werden soll, ob Jesus die Kleider an seinem Leibe gehörten oder nicht, und zum anderen ein toter Mönch gefunden wird. Diesem Todesfall soll der Franziskaner -Mönch William von Baskerville mit seinem Novizen Adso, beauftragt vom Abt, nachgehen. So beginnt er munter die Zeichen zu deuten, und klärt den Fall als Selbstmord auf. Doch schon wird ein weiterer toter Mönch gefunden – diesmal kopfüber in einem Kübel voll Blut. Dieser Umstand wird promt als apokalyptisches Zeichen decodiert, was den Abt veranlasst, die Inquisition zu bestellen. Fast nebenbei wird Adso von einem armen Bauernmädchen entjungfert, dessen Namen er nie erfahren sollte. Aber es gibt ja auch Dinge, die ohne ein Zeichen auskommen… Nach weiteren symbolträchtigen Todesfällen kristallisiert sich für William heraus, dass alles mit einem verbotenen griechischen Buch zu tun haben muss, das er fortan zu finden sucht. Dabei handelt es sich um Aristoteles’ Abhandlung zur Komödie, die das blinde Bibliotheks-Urgestein Jorge gar nicht lustig findet, da das Lachen seiner Meinung nach die Furcht vor Tod und Teufel und damit die Stabilisierungsgrundlage des mittelalterlichen Glaubenssystems vernichtet. Damit nun auch jedem der dieses Buch liest das Lachen vergehen möge, tränkt Jorge die Seiten mit Gift, das der geneigte Leser dann beim Anlecken des Fingers zum Umblättern direkt in die eigene Blutbahn befördert. Doch William kommt all dem natürlich auf die Schliche und findet das Buch von Jorge bewacht im Labyrinth der geheimen Bibliothek. Als dieser bemerkt, dass William ihm nicht auf den giftigen Leim geht, flieht er mitsamt dem Buch und setzt die Bibliothek in Brand. Schließlich wählt er den Freitod, indem er die toxischen Seiten des verbotenen Buches vertilgt und sich zur Sicherheit auch noch verbrennt. Doch Adso und William entkommen den Flammen, das der Hexerei für schuldig befundene Bauernmädchen wird vom Scheiterhaufen gerettet und der Inquisitor vom Pöbel mit seinem eigenen Foltergerät gelyncht – Das Leben, wie es sein sollte…

3b.png


Jörg Petri versorgte den Zuschauer im Vorfeld mit wichtigen Informationen zum Leben im Mittelalter, sowie der damaligen und heutigen Funktion von Schrift, Buch und Lesen. Zusätzlich verknüpfte er die Figuren des Films mit zwei verschiedenen Lese-Schulen. So sind die Mönche im Allgemeinen und Jorge im besonderen Maße monastische Leser, die zwischen Text und Buch keinen Unterschied machen, Inhalte verinnerlichen und nicht an
Fortschritt, sondern nur an Wiederholung glauben. William von Baskerville, dessen Name eine Referenz auf den bekannten Sherlock Holmes Roman ist, stellt den scholastischen Leser da, der den Text vom Medium ablöst, ihn diskutiert und interpretiert. Er sucht, wie der berühmte Roman-Detektiv, nach Zeichen, die zu deuten sind und hält die Welt für “lesbar”. An dieser Stelle greifen Semiotik, Buchgestaltung und Weltanschauung, wie Petri schlüssig dargelegte auf faszinierende Art und Weise ineinander. Der insgesamt sehr gut strukturierte, durchdachte und dank intelligenter Wortspielereien und Randbemerkungen über die Farbstimmung indizierter Computerspiele oder die “Hackfressen” der Darsteller gleichzeitig amüsante Vortrag zeigte auf jeden Fall, dass auch im Gelächter ein enormer Erkenntnisgewinn liegen kann.
In der nächsten Woche beackern dann Birgit Hein und Michael Brynntrup das Feld des Todes im Kino, wobei diesmal dem Totenkopf eine zentrale Rolle zufällt. Bis dahin…

Andi Weich

Home
Veranstaltungen
Newsarchiv
Mailingliste