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Das Leben ist eine tödliche Krankheit...

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...die auf sexuellem Wege übertragen wird. Dieser “Klospruch”, der sich in einem von Michael Brynntrups Filmen wiederfindet, bringt einiges vom gestrigen Abend, den Birgit Hein und der Künstler selbst im Rahmen der Ringvorlesung Tod im Kino sehr inspirierend ausgestaltet hatten, auf den Punkt.

Für Birgit Hein, die ehemalige Leiterin der Filmklasse, war es nach eigener Aussage sofort nachdem sie das Konzept von Tod im Kino vorgelegt bekam klar, dass sie über die Werke von Michael Brynntrup sprechen würde. Selbiger ist gewissermaßen ihr Nachfolger in der Filmklasse und ein international bekannter Experimentalfilmer, der seit 1982 68 Werke geschaffen hat, von denen 5 in der Vorlesung gezeigt wurden. Alle kreisen um den unumgänglichen Tod, die Geburt als dessen Anfang, Freiheit von Fremdherrschaft durch das Sterben, um Sexualität und Körperlichkeit als Wege zur Erkenntnis.

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Eine detaillierte Inhalts- oder Formbeschreibung der Filme in Textform zu versuchen wäre unangemessen und zweifellos zum Scheitern verurteilt, weshalb es mir produktiver scheint, meine subjektiven Assoziationen mit dem Dargestellten, sowie die Kommentare Brynntrups und die Diskussionen zu reflektieren.
Als erstes zeigte Frau Hein die Filme “Testamento Memori”, “Die Botschaft – Totentanz 8” und “ACHTUNG – die Achtung (cncentration chair)”. Alle drei haben einen Vogelkäfig, einen Totenschädel und die Dialektik von Leben/Geburt und Tod gemein. Doch während die ersten beiden stark von ihrer experimentellen Ästhetik dominiert wurden, entfaltete der letzte Film den Großteil seiner Wirkung durch das Dargestellte selbst. Neben dem bekannten Schädel, der Geburt in Form einer Hochschwangeren Frau und dem Vogelkäfig, der zusätzlich vom ähnlich konstruierten “concentration chair” ergänzt wird, tauchen ein stark tätowierter/gepiercter und ein fettleibiger Mann auf. Die Repräsentation der Wollust, die Einengung selbiger im Käfig-Stuhl, die folgenden Spuren im Körper thematisieren Freiheit, Selbstbestimmung und Fremdherrschaft, während der durchstochene Körper die Erfahrung des Schmerzes und daraus folgende Erkenntnis darstellt. Dieses Motiv wird schon zu Beginn des Films durch das Kant-Zitat “Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel” eingeführt.

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Der Film schafft es, dem Zuschauer eine eigene Erfahrung zu suggerieren, die in den Einstellungen, in denen sich der tätowierte Mann erst selbst eine dicke Nadel durch die Brust und später kleine Nadeln seinen Hodensack schiebt, gipfelt und zu Raunen und Schmerzreaktionen im Saal führte. Die folgende Diskussion thematisierte die Möglichkeiten des Mediums (Experimental-)Film, Erfahrung zu inszenieren, sowie die Motive des Regisseurs, die dieser jedoch selbst nicht immer bewusst reflektiert haben wollte oder sie bewusst als unbewusst entsatnden darstellte, um die Interpretation des Zuschauers nicht zu determinieren – man weiß es nicht. Doch die von Brynntrup bereitwillig vorgetragenen Anekdoten zur Beschaffung von Totenschädeln auf Frau Klippels Frage “Wo kriegst’n die her?” oder biografische Ausführungen zur Geschichte des Todes- Konnotierten Vogelkäfigs erhellten den ein oder anderen Entstehungspfad.

Danach zeigte Frau Hein zwei kurze, von vernehmbarem Schmunzeln des Plenums begleitete, Webespots für das Bestattungs- Großunternehmens Grieneisen, sowie den Kurzfilm “Aide Memoire”, in dem Brynntrup mit dem Fotografen Jürgen Baldiga einen HIV-infizierten Freund kurz vor dessen Tod interviewt. Sie reden über Orgasmen, begrenzte Zeit, das Angesicht des Todes und die Erkenntnis sich von Fremdherrschaft befreien zu müssen. Eine der letzten Einstellungen des Films zeigt die Leiche Baldigas mit offenem, zahnlosen Mund und leicht geöffneten Augen, was laut Brynntrup nach der Premiere für einige Diskussionen gesorgt hatte. Im Plenum herrschte jedoch Einigkeit über die Notwendigkeit der Darstellung der körperlichen Dimension des Todes, da diese nähmlich in unserer Gesellschaft tabuisiert sei. Der Tod an sich sei zwar durch Fernsehserien wie CSI, Six Feet Under oder die aktuelle Totenkopf-Mode präsent, doch die unmittelbare Körperlichkeit des Todes, die zuletzt durch die Thematisierung von AIDS eine kurze Renaissance erlebt hatte, sowohl räumlich als auch diskursiv aus der Gesellschaft ausgegliedert. Florian Krautkrämer gab zu bedenken, dass nicht nur der Tod, sondern alle Formen extremer Körperlichkeit, wie Geburt oder Behinderung, das gleiche Schicksal teilen. Denkt man diese Feststellung nun wieder mit dem Kant-Zitat zusammen, wird also ein erheblicher Teil potenzieller Erkenntnis ausgegliedert… Abende wie der gestrige schaffen es jedoch zumindest das Bewusstsein dafür wiederzubeleben und zeigen, dass der Tod im Kino auch als unmittelbare Erfahrung inszeniert werden kann.

Diese Inszenierung fällt dem geschriebenen Wort ungleich schwerer, weshalb dieser Artikel zu meiner Bedauerung nur der klägliche Versuch bleiben kann, dem geneigten Leser einen Teil der Erfahrung aus der Vorlesung zu vermitteln. Wer also diese inspirierende und erhellende Darbietung verpasst hat, sollte seine Körperlichkeit dann zumindest am 27.11. zum Vortrag von Anke Zechner, der die Verdichtung eines vergangenen Lebens im Material thematisiert, in die Filmklasse bewegen.

Andi Weich

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