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Tod im Kino: 'Der krönende Abschluss sind die Filme...

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...und nicht der Vortrag’, meinte Frau Klippel selbst, die in der letzten Veranstaltung den Tod der Frau im frühen Kino thematisierte und dazu vier Filme dieser Epoche als restaurierte Kopien, dank 18-Bild-Projektor sogar in korrekter Geschwindigkeit, zeigte.

So beeindruckend diese, für heutige Augen potentiell befremdlichen Filme aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen, in der die Welt noch eine andere war, auch sein mögen, wären sie ohne den lehrreichen Vortrag jedoch nicht mehr gewesen, als das bloße Spektakel einer skurrilen Vergangenheit. Möglicherweise um dies zu verdeutlichen, zeigte Frau Prof. Klippel zu Beginn ohne einführende Worte “Die Fütterung der Riesenschlangen” von 1911, in dem drei Schlangen nach und nach drei possierliche Kaninchen, die ahnungslos zwischen den Reptilien umherhoppeln, unter den verzweifelten Zwischenrufen des Plenums (“Lauf! Lauf!”) verspeisen. Ein Schelm, wer angesichts der Kombination von Phallus und dem Firmenlogo eines einschlägigen Herren-Magazins feministisches dabei denkt…

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Die Rezeption der beiden Hauptfilme bereitete Klippel dann mit ausführlichen Informationen zum frühen Kino vor, wobei sie auf technische, gestalterische, schauspielerische und kulturelle Unterschiede zum heutigen Kino aufmerksam machte. So war das Filmmaterial in dieser Zeit noch nicht standardisiert, die Filme liefen mit 18 bis 20 Bildern pro Sekunde und wurden per Hand gekurbelt. Die Dreharbeiten waren wenig komplex, auf geschlossene Bildfolgen, die heutigen Coninuity-Gewohnheiten gerecht würden, wurde kein Wert gelegt. Die Ausleuchtung der Szenerie erfolgte meist durch Tageslicht und selten per Bogenlampen. Die Kamera verharrte stets in Schulter- oder Hüfthöhe in einer Entfernung von 4 bis 3 Metern, was in heutigen Maßstäben einer Halbtotalen gleichkommt. Close-Ups und Totalen waren in diesem so genannten Tableau-Stil ebenso unüblich wie die Erschließung des filmischen Raumes durch Aufnahme der Szene aus verschiedenen Winklen, zu der auch “Schuss/Gegenschuss”-Dialoge zählen, ohne die heute kein Mainstream-Film mehr auskommt. Die dargestellten Charaktere waren eher holzschnittartige “Typen” denn individuelle Personen. Auch dass die Projektionen der Filme des frühen Kinos, dank Einfärbung der Positive, fast immer farbig waren, wird heute meist vergessen, da oft nur die farblosen Negative erhalten sind. Die Kino-Vorführungen dieser Zeit waren von den Jahrmärkten über Varietés und kleine Ladenkinos mittlerweile meist in reine Kino-Säle verlegt worden, in denen ein Programm von 6 bis 10 verschiedenen Filmen (Drama, Posse, Naturbild, Sensationsfilm,...) quasi in Endlosschleife lief. Beim Eintritt erhielt man eine Nummer und wurde je nach bezahlter Dauer nach einer gewissen Zeit aufgerufen, das Kino wieder zu verlassen. Anders als in der stillen Reglosigkeit heutiger Multiplexe, spielten Kinder während des Programms vor der Leinwand, es wurde geraucht, geredet und vom Buffet mit Bier und Erfrischungen gekostet. Der Eintritt war günstig und das Publikum aus Menschen aller Bevölkerungsschichten besetzt. Auch war es eine der ersten gesellschaftlichen Freizeitbeschäftigungen, die Frauen ohne Begleitung ihrer Männer ausüben konnten. Als Massenprodukt, das ganz auf das Vergnügen am Spektakel und der Sensation baute, war es weit von seiner Etablierung als Kunstform entfernt, was Frau Klippel durch einzigartige zeitgenössische Zitate von Serner, Tucholsky und Kafka (“Im Kino gewesen. Geweint. [...] Maßlose Unterhaltung. [...] Bin ganz leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat mehr lebendigen Sinn.”) belegte.

Doch die beiden Hauptfilme der Veranstaltung stellten inhaltlich eine Abwechslung dar, da sie Motive aus der Schauerliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts, also einer anerkannten Kunstform, adaptierten. Das unvollendete Portrait (vermutlich 1910 von Perret) ist an Edgar Allen Poes “The Oval Portrait” angelehnt und handelt von einem Mann, der ein Bild seiner Frau anfertigt, jedoch vor dessen Vollendung mit ihr einen Jagd-Spatziergang macht und sie versehentlich erschießt. Am Boden zerstört lädt er eine andere, sich gemäß der Verstorbenen gekleidete Frau ein um wenigstens das Portrait zu vollenden. Doch er kann es nicht. Auf einer Feier trifft er Madelaine, eine Doppelgängerin seiner Frau und sie verliebt sich in ihn. Er kann ihre Liebe nicht erwiedern, da er stets an die Verstorbene denken muss, weshalb sich Madelaine einem Foto seiner Frau entsprechend selbiger noch ähnlicher zu machen versucht. Als die beiden sich wiedersehen, ist er hin und her gerissen, nimmt aber schließlich ihre Hände und der Film bricht ab. Da das Ende der letzten Filmrolle verschollen ist, wird der Ausgang für immer offen bleiben.
Das übliche, aus Filmen wie Vertigo bekannte Motiv, in dem die Frau die Kreativität des männlichen Genies gefährdet und daher aus Angst um die patriarchale Struktur umgebracht und durch ein harmloseren Platzhalter ersetzt wird, sieht Frau Klippel hier in Umkehrung begriffen, da der Mann nach dem Tod der Frau die zuvor von selbiger inspirierte Malerei aufgibt. Das sonst ambivalente Interesse des Mannes am Tod der Geliebten, die ihm einerseits einem Vampir ähnlich Energie raubt und andererseits Nachkommen schenkt, scheint hier verneint.

Auch im zweiten Film Zweimal gelebt (1912 von Max Mack) hat der vermeintliche Tod der Frau keinerlei befreiende Wirkung für den Mann. In diesem Fall erleidet die Frau einen Nervenzusammenbruch und wird ins Sanatorium eingewiesen, wo sich der behandelnde Arzt in seine bewusstlose Patientin verliebt. Bald darauf wird sie für tot erklärt, erwacht aber in Gegenwart des Arztes und mit komplettem Gedächtnisverlust zu neuem Leben. Dieser wittert seine Chance, entführt die Geliebte, verschließt den Sarg und reist mit ihr durch die Welt. Zufällig läuft sie nach vielen “Beinahe-Begegnungen” ihrer Tochter, die gerade ebenfalls mit ihrem vergessenen Mann auf Reisen ist, über den Weg und die ganze Erinnerung kehrt zurück. Im Dilemma sich nicht zwischen den beiden geliebten Männern entscheiden zu können, stürzt sie sich unter Tränen von einer Brücke.
Im Gegensatz zum ersten Film geht es hier nicht um die Frau in der männlichen Fantasie, sondern um die Sehnsüchte der Frau, der es durch die Amnesie ermöglicht wird, aus ihrem bürgerlichen Leben auszubrechen und in ein neues einzutreten. Doch da wo sie nach ihrem Scheintod nicht mehr existiert hinterlässt sie eine Lücke bei denen, die sie geliebt hatte, was durch asymmetrische Bildkompositionen in den Einstellungen, die ihren Mann und die Tochter zeigen, visualisiert wird. Durch die Überwindung der eigenen Position innerhalb der patriarchalen, bürgerlichen Gesellschaft manövriert sie sich angesichts der Folgen für die hinterbliebenen und damit für das bestehende System in eine moralische Zwickmühle, der ihre Existenz nicht standhält.
Beide Filme sind auf vielen Ebenen offene Texte, die der Fantasie des Publikums Raum lassen. So schafft die Continuity-freie Montage ein interpretierbares Dazwischen und das fehlende Filmmaterial des ersten Films sogar ein völlig offenes Ende, das einige Fragen der individuellen Beantwortung überlässt.
Wahrscheinlich um einen Hauch von Programmkino zu erzeugen, zeigte Frau Klippel anschließend noch einen Nachfilm, der als erster Film des frühen Kinos ohne Zwischeneinblendungen konzipiert war und in selbstreflektorischer Manier einen Filmdreh zeigte dessen finale Szene im Suizid eines unglücklich Verliebten mündet. Hierbei blieb der Zuschauer bis zuletzt im Unklaren, ob der filmische Tod nun Teil der Handlung des Films im Film war oder sich die Figur des Darstellers tatsächlich das Leben genommen hatte.

Insgesamt ein würdiger Abschluss einer durchweg unterhaltsamen und inspirierenden Ringvorlesung, die ihrem Anspruch, den Tod in verschiedensten Filmgenres interdisziplinär zu beleuchten absolut gerecht geworden ist! Wie Florian Krautkrämer auch zu Beginn der letzten Veranstaltung dankend feststellte, wäre dies ohne die Hilfe der HBK, die Plakatgestaltung von Katharina von Horn, die Raumvergabe der Filmklasse, die Bedienung der Technik durch Przemyslaw Suwart und die stets zahlreiche Anwesenheit der Zuhörer nicht möglich gewesen. Dieser Liste möchte ich hier alle Referenten sowie Frau Klippel und Herrn Krautkrämer selbst hinzufügen, die für die Konzipierung und Durchführung der Ringvorlesung verantwortlich waren.

Vielen Dank!

Andi Weich

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