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Tod im Kino: Die Erotik des Sterbens

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Man nehme: Ein bisschen von Sigmund Freuds Kulturtheorie, einen kanadischen 70er-Jahre-Horrorfilm aus einer Softpornofilmschmiede, sowie Serjoscha Wiemer, der beides auf wissenschaftliche Art und Weise verknüpft und man erhalte einen weiteren unterhaltsamen Vortrag bei Tod im Kino.

Freud wird man schwer los – schon gar nicht im Kino. So findet in Peter Cronenbergs erstem Feature-Film Shivers aus Herrn Wiemers Perspektive eine Auseinandersetzung mit Freuds Kulturtheorie statt, in der sich die von Freud konstituierten Gegensätze von Eros und Thanatos auf utopische Weise radikal sublimieren und das ICH vom ÜBER-ICH befreit wird. Klar soweit?
Beginnen wir zur Klärung mit Freud in stark verkürzter Form: Eros ist der Trieb des Lebens und der Erhaltung der Substanz. Seine Energie ist die Libido. Thanatos ist der Trieb der Agression, der Auflösung und Zerstörung. Beide stehen im Konflikt zueinander, können sich jedoch auch gegenseitig beeinflussen und ihre Ziele vermischen (sublimieren) und sind im ES verortet, das als ältester Teil der Psyche größtenteils unbewusst bleibt und alle Triebe beherbergt. Das ICH ist das arme Ding, das zwischen diesen und der Welt zu vermitteln hat und die Triebe eindämmen muss. Am Beispiel der Ur-Horde erklärte Wiemer die entstehung des kulturstiftenden ÜBER-ICHs. In diesem Gleichnis unterdrückt der Horden-Vater die Eros-Triebe seiner Söhne, indem er ihnen die Frauen verweigert. Der Thanatos der Söhne führt zur Tötung des Vaters und seiner Verspeisung in einer Geste des Eros. Doch die Liebe zum gelynchten Vater führt zur Reue und zu Schuldgefühlen, in deren Folge sich die Söhne zum einen die Liebe zu den nun freien Frauen selbst verbieten und zum anderen ihre nach außen gerichtete Agression, den Thanatos, nach innen, gegen ihr ICH richten. Das Subjekt leidet folglich in Bezug auf die Erfüllung der Lüste an der Kultur.
Im verlauf des Film “Shivers” sieht Wiemer dieses Modell in Auflösung begriffen. Der Film spielt in einem Hotel namens Starliner, das als völlig autarker Raum mit Restaurants, Geschäften, Sportangeboten, medizinischer Versorgung etc. als penibel durchkonstruiertes Modell der modernen Komnsumgesellschaft fungiert. Alles ist hochgeradig domstiziert und oberflächlich, bis Parasiten in die Körper der Hotelbewohner und Mitarbeiter eindringen, die sie zu hemmungslosen und rüde Orgien veranstaltenden Wesen machen. Die phallusähnlichen Würmer wurden von einem Arzt des Hotels geschaffen, der den passenden Namen “Hobbes” trägt. Durch sein Werk wendet dieser sich jedoch vom leviathanischen Gesellschaftsmodell seines britischen Namensvetters, der die Übertragung der Souveränität des Individuums auf eine höhere Instanz zugunsten der Gemeinschaft fordert, ab. Verbreitung finden die Parasiten über ein Mädchen, mit dem diverse Hotelbewohner und auch Hobbes häufig geschlechtlich verkehren. Zu Beginn des Films tötet Hobbes das Mädchen und ihren Parasiten jedoch in frankensteinscher Manier und richtet sich anschließend selbst, was an der Stringenz seines Planes und seiner Ideale Zweifel aufkommen lässt. Aber es ist schon zu spät: nach und nach fallen sämtliche Menschen im Hotel den kleinen zum Opfer und lassen ihrem Fortpflanzungstrieb freien Lauf. In des Schlussszene fahren dann alle, meist paarweise, mit den Autos aus der Tiefgarage des Hotels und einem glücklichen Lächeln richtung Montreal…

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Wiemer bringt nun mit seiner Interpretation zusammen, was zusammen gehört. Die Erfüllung vorgefertigter Wünsche im Hotel dient demnach als Kompensation der eigenen Triebunterdrückung durch das ÜBER-ICH, stabilisiert diese aber zugleich und ist somit repressiv. Der Parasit bricht nun als subversives Element das Schema auf und zerstört es in einer agressiven, gewissermaßen “thanatosischen” Aktion, indem er in den Körper eindringt und zusammen mit seinem Wirt ein neues System bildet. Dieses erlöst das Individuum von der Binarität aus Eros und Thanatos, vom ÜBER-ICH und vom Ödipus-Komplex – und von der Kultur.
In der Diskussion stellte sich heraus dass Frau Prof. Klippel diesem am Ende des Films erreichten Zustand, den Serjoscha Wiemer als Happy-End empfindet, “nichts positives” abgewinnen konnte, da er zu permanenter gegenseitiger Vergewaltigung führe. Doch solche Kategorien müssten völlig neu überdacht werden, in einer “Gesellschaft”, die keine Kultur kennt und nicht mehr aus Menschen in unserem Sinne besteht – denn wer aufgehört hat, seinen Vater töten zu wollen kann vieles sein, aber kein normaler Mensch…
Nächste Woche geht es dann aber beim Vortrag von Katharina Sykora wieder um genau diese, ihre Phantasien und die Verbindung von Fotografie, Kino und Tod.

Man sieht sich…

Andi Weich

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