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Berlinale 2010

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Die 60. Berlinale – während in den Kinosälen die Kunst projiziert wurde, wurde von den Besuchern die Kunst auf den Straßen praktiziert: Eislauf bis zur Perfektion. NAch Verlassen der Kinos wünschte man sich inständig pünktlich und vor allem heil am nächsten Film anzukommen.

Anfangs freuten sich alle über die neuerworbene Tasche der Berlinale, die man als Akkreditierter geschenkt bekam, Schnell wurde jedoch klar, dass sie von Nöten war. Bei vier scheidenden Katalogen der einzelnen Programme und zusätzlichem Printmaterial, die als Entscheidungshilfen essentiell waren, diente sie vor allem für den Transport. Was für viele Besucher Leid war, spricht dennoch für die Berlinale und ihre überragende Vielfalt. Viele unterschiedliche Programme, die für jeden Geschmack eine Auswahl bot, die einen trotz allem vor manchmal schwierige Entscheidungen der richtigen Filmauswahl zwangen.

An den Ticketschaltern wurde dann das Improvisationstalent auf die Probe gestellt, wenn die zuvor sorgfältig ausgewählten Filme mit dem Market von der Liste gestrichen wurden. Von der ersten Last am Morgen befreit, hielt man glücklich seine drei bis vier Karten für den TAg in den Händen und begann nun am Eingang des Kinosaales noch einmal festzustellen, dass bei der Flut an Filmen, man gar nicht mehr wusste in welchen Film man denn eigentlich gerade ging. Alles eine Frage des Timings und der Gewöhnung. Denn mit jedem "guten und schlechten" Film ging die Reise aufs Neue los und viele Eindrücke blieben am Ende des Tages übrig, über die man bei einem Getränk philosophieren konnte.

Nicht nur mit dem Wetter und dem Eis unter ihren Füßen mussten sich die Besucher arrangieren – auch mit neuen Problemen des neuen digitalen Kinos sahen wir uns konfrontiert. "Der Server ist zusammengebrochen und wir zeigen erstmal einen anderen Film". Alltägliche Computerprobleme – jetzt auch im Kino. Filme wurden in Formaten wie DV, 35mm oder RED präsentiert, jedoch war das selten entscheidende Überzeugungskraft der Filme. So erzählt z.B. der auf DV gedrehte Film Black Bus von den Frauen die nach den ultraorthodoxen Regeln leben bzw. die Regeln ihr Leben regeln. Die Regisseurin Anat Juta Zuria erlaubt einen authentischen Einblick in das Leben zweier Frauen, die vor den Regeln geflohen sind und dafür einen schweren Preis bezahlen mussten. Dagegen steht der Film El recuento del los daños. Auf der REDOne gedreht, versucht die Regisseurin InÈs de Oliveira CÈzar in nummerierten Kapiteln den Ödipusskomplex aus der heutigen Zeit sprechen zu lassen, wobei man spätestens beim sechsten Kapitel hofft, dass sie nur bis 10 zählen kann. Emotionsarme, lange Einstellungen drängten den Zuschauer in die Tiefen des Kinosessels.
Obwohl unbeabsichtigt, schien das kalte Wetter in Berlin mit den Inhalten der Filme zu harmonieren. Viele ernste Themen wurden verarbeitet. Beim betrachten der Abspanne konnten die Adjektive schockiert, traurig, melancholisch und faszinierend das Bauchgefühl beschreiben.

Überaus spannend waren auch dieses Mal wieder die Filmbesprechungen nach den Vorführungen. Sehr interessant war z.B. die Diskussion zu dem Dokumentarfilm Still Alive in Gaza von Nicolas Wadimoff. Nicht nur, dass aus dem Publikum Beiträge von israelischer wie palästinischer Seite kamen, sondern dass zudem Produzent und Regisseur bei Verständnisproblemen Aufklärung schaffen konnten.

Insgesamt waren es interessante und spannende Tage in Berlin, die in vollkommener Dunkelheit tagsüber viele Eindrücke und auch eigene Ideen förderten und eine gelungene Exkursion zum Abschluss bringen.

Svenja Böttger

Campus