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Duisburger Filmwoche 2007

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Wo wenn nicht hier

Die Duisburger Filmwoche fand dieses Jahr zum 31. Mal statt, für viele von
uns war es jedoch das erste Mal auf dem Festival des deutschsprachigen Dokumentarfilms. Wie so ein Wochenende Filmfestival ablaufen kann, was eigentlich an dem Dokumentarfilm so interessant und kompliziert ist und welche Fragen ich mir im Nachhinein gestellt habe, möchte ich im folgendem darstellen.

Wir wussten noch nicht so ganz, was auf uns zukommen und wie wir darauf reagieren würden. Es endete jedenfalls mit glasigen Augen und bei mir, auf jeden Fall, mit einem Kopf voller neuer Geschichten und Dingen, Diskussionen, Filmemacher Statements, dem Gefühl nichts gemacht und trotzdem so viel erlebt und eine für mich doch irgendwie neue Welt entdeckt zu haben.

„Nicht repräsentativ, nicht trendy, nicht quotenfixiert: Das Programm der Filmwoche wird die für uns wichtigen Filme des Jahres aus Deutschland, der Schweiz und Österreich auswählen und zu einem dichten Programm verweben. Jeder Film hat für sich alleine zu stehen. Und das Programm ist mehr als die Summe der Filme.“

Es war nicht unbedingt einfach, an einem Tag sechs Dokumentarfilme zwischen (hauptsächlich) 70 und 100 Minuten zu sehen, und nach dem jeweiligen Film einem Gespräch mit dem entsprechenden Filmemacher zu folgen, um dann wieder in die Kinosessel zurück zu rutschen. Doch es hat sich gelohnt. Mich hat die Begeisterung für den guten Dokumentarfilm  gepackt und so musste ich mir nach Ende unserer Exkursion und dem Festival noch die beiden von 3-Sat und Arte prämierten Filme anschauen. Das war zum einem die Dokumentationen „Zuoz“ von Daniella Marxer (Österreich/Frankreich 2007) und zum anderen „Michael Hamburger – Ein englischer Dichter aus Deutschland“ von Frank Wierke (Deutschland 2007). Sie wurden Sonntagabend, am letzten Tag des Festivals, sogleich im Fernsehen ausgestrahlt und obwohl ich, wie die meisten anderen auch, die Nacht zuvor wegen der Abschlussparty des Filmfestivals kaum geschlafen und eigentlich (zumindest für diesen Abend) erstmal genug vom Filme gucken hatte, musste ich sie mir unbedingt noch anschauen. Dazu muss
man vielleicht noch erwähnen, dass wir diese beiden Filme auf dem Festival selbst nicht sehen konnten, da sie schon vor unserer Ankunft in Duisburg aufgeführt wurden.

„Hier also ist der Ort, hier ist die Zeit, die Kunst der Wirklichkeit
wahrzunehmen. Für eine Woche sich einzurichten zwischen Filmen und Debatten, sich einzustimmen auf Sehen und Denken, Empfindung und Äußerung.“

Das Duisburger Dokumentarfilmfestival bedeutet: Viel gucken, viel hören, viel nachdenken, Essen im Stehen und Gehen, hohes  Aufmerksamkeitsvermögen, eine Preisverleihung, ein Zusammentreffen mit interessanten Persönlichkeiten, wie soeben erwähnt eine abschließende Party und „eigentlich“ auch viel diskutieren. Eigentlich, denn die angekündigten Diskussionen, die zwischen den Filmen zu den Filmen stattfinden, kamen dieses Jahr zumindest, nicht so sehr ins Laufen. Das Festival bietet dem „Zuschauer“ gezielt Aktivität an. Und zwar nicht nur die Art von Aktivität, die im Kopf stattfindet, wenn man sich einen „guten“ Film angeschaut hat, sondern eine, die im öffentlich kontroversen Rahmen stattfandet. Gerade bei dem Dokumentarfilmen, bei denen die Geschichten oft emotional schwieriges Material beinhalten und die mich wegen ihrer Authentizität so sehr faszinieren, berühren und zum Nachdenken anregen, finde ich ist es wichtig vom Filmemacher selbst etwas zum Film zu hören. Ob es nun den filmischen Hintergrund betrifft oder seine eigenes Erleben bei der Entstehung des Films, ob es nun den Prozess des Filmemachens betrifft oder einen kritischen Punkt im Film mit dem er auf bestimmte Weise umgegangen ist, in jedem Fall ist es eine Besonderheit bei diesem Festival, mit dem Filmemacher (immer) persönlich sprechen zu können. Das Filmfestival gewährleistet nicht nur, dass die Filmemacher in Duisburg vor Ort sein müssen wenn ihre Film gezeigt werden sollen, sondern auch vor allem, dass in der Zeit in der die Diskussionen stattfinden, keine Parallelveranstaltungen laufen. Außerdem war die Atmosphäre innerhalb der Diskussionsrunde so beschaffen, dass es egal war ob sich Amateur oder Profi zu Wort melden. Statt der Diskussionen, die wie schon erwähnt sehr schwach ausfielen, wurden aber viele Fragen vom Publikum gestellt und die Gespräche, die auf dem Podium (zwischen Festivalteam und Filmemacher) abliefen waren ebenfalls interessant. Dieser Beiträge führten dazu, dass die Veranstaltung auch ohne Diskussionen spannend waren. Die meisten Fragen die in dieser Zeit gestellt wurden und an die sich dann auch teilweise Diskussionen anschlossen, sind vermutlich Punkte mit denen sich der Dokumentarfilm oft auseinander setzen muss.

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„Wo die Rede ist von Wirklichkeitsverlust und Wirklichkeitsverdruss, sollte man weghören. Nicht zuletzt der Dokumentarfilm beweist Jahr um Jahr, dass die Realität die vornehmste Herausforderung visuellen Erzählens ist. In ihm kehrt die Welt zu uns zurück, mit ihm lernen wir, Bilder wieder und neu zu lesen, durch ihn nehmen wir Anteil an vergegenwärtigter Geschichte und verborgenem Leben.“

Diese Themen waren zum Beispiel Authentizität und passiv und aktiv werden der Kamera. Es ging darum, dass die Kamera und der Filmemeacher Geschichten erzählen und um die Frage: Ist Geschichtswissenschaft nicht auch fiktional und was bedeutet das für den Film? Es ging darum, was für Bilder man zeigen darf und wo die Grenzen sind. Und natürlich, wie bei solchen Fragen üblich, gibt es kein richtig oder falsch, aber die Diskussionen und Gespräche haben neue Perspektiven aufgedeckt und es ermöglicht seine eigenen Antworten auf diese Fragen zu finden. Filme gucken ist schlussendlich immer subjektiv.

Das Programm war sehr bunt gemischt. Und so gab es die Kamera die eindringt, die irgendwie nötig (wie z.B. bei „Das Block“ von Chris Wright und Stefan Kolbe), die tanzt („Verlieren“ von Gintersdorfer/Klaßen), die als verlängertes Auge, körperliches Interview funktioniert, die dem direct Cinema entspricht, die meditativ („Marryville“ von Filipp Forberg) scheint oder doch einfach nur einschläfernd?

„Wenn allerdings Formatisierung, Serialisierung und ein zu opportuner Blick auf den Kassenerfolg den Dokumentarfilm zu sterilisieren drohen, ist Anlass zur Sorge. Daher will die Filmwoche den Blick auf die widerständigen Formen richten, auf die herausfordernden Thesen, die neuen Perspektiven.“

Wie ist das eigentlich, wenn man so viele Filme hintereinander schaut, habe ich mich zu Anfang des Festival gefragt. Schwindet dann irgendwann die Aufmerksamkeit? Oder ist nicht ein guter Film erst dann gut, wenn er den Zuschauer ermutigt, bei ihm Interesse weckt, den Film aufmerksam zu verfolgen? Und was ist wenn jemand beim Film einschläft? Das habe ich nicht nur bei mir während der 3 Tage in Duisburg beobachtet. Ist das ein Zeichen
von Langeweile? Heißt Langeweile, dass ein Film schlecht ist? Oder ist das einfach nur die Resonanz auf einen langen Tag mit vielen Filmen? Aber warum sind dann so viele bei den selben Filmen eingeschlafen? Und warum betraf dies nicht nur einen der letzten Filme des Tages, sondern vielleicht auch schon den Zweiten der gezeigt wurde oder den Dritten? Weil er es zu ließ? Weil er so meditativ war? Weil man es sich bei diesem Film erlauben konnte?
Oder hatte das vielleicht etwas mit dem Tempo des Filmes zu tun? Ich bin mir ziemlich sicher, dass bei „Sieben Mulden und eine Leiche“ von Thomas Haemmerli keiner eingeschlafen ist. Dieser Film setzte eine ziemliche Geschwindigkeit voraus, die einem vielleicht nicht erlaubte mal kurz die Augen zu schließen um nichts zu verpassen. Dieses Tempo sind wir als Rezipienten möglicherweise heutzutage aus den Medien gewöhnt und diese
Gewöhnung daran lässt es uns schwer fallen, langsame Filme zu genießen ohne ungeduldig zu werden. Ich kann mir diese Fragen bisher noch nicht beantworten. Ich weiß aber, dass ich Filme gut finden kann, die ich vielleicht langweilig wirken, weil sie eine Rechtfertigung, dafür haben so zu sein wie sie sind. Damit meine ich, dass ich teilweise einen Film weniger interessant fand weil z.B. auf der Handlungsebene kaum etwas passierte und die einzelnen Passagen, so wie der Film an sich, sehr langlebig waren. Dies führte bei mir zu fehlender Aufmerksamkeit oder Müdigkeit. Erfährt man aber über den filmischen Hintergrund mehr, so hat ein solcher Film eine Rechtfertigung so zu sein wie er nun eben war und kann bei mir wieder Interesse wecken. Natürlich erfährt man aber über diesen filmischen Hintergrund selten was im Film. Im Rahmen der Filmwissenschaft, kann so ein Film durchaus interessant sein. Im privaten Rahmen wären das allerdings keine Filme die ich mir anschauen würde. Da ich mir so viele Fragen gestellt habe, und für mir diese vielen Fragen nochmals vor Augen führen wie viel neue Wege mir das Festival aufgezeigt hat, möchte ich schlussendlich noch eine Frage hinzufügen, die ich in dem Workshop für Studenten, den der Regisseur Gerd Kruske führte, tatsächlich im öffentlichen Rahmen und nicht nur mir selbst stellen konnte.

Wie kommen Menschen in solchen Dokumentarfilm dazu, ihre Geschichte zu „veröffentlichen“?

In den Dokumentarfilmen die wir gesehen haben, hatte man nicht den Eindruck gewonnen, dass die Menschen, die gezeigt wurden von sich aus Interesse hatten, ihre Schicksale zu veröffentlichen. Wie also gelingt es dem Filmemacher eine Dokumentation mit diesen Menschen zu drehen? In manchen dieser Geschichten haben wir erfahren, wie einsam diese Menschen sind. Sie suchen jemanden zum Zuhören, jemanden für ein Gespräch. Der Filmemacher ist genau derjenige Zuhörer, den diese Menschen vielleicht brauchen. Vielleicht kann für sie aber auch Motivation sein, andere Leute mit ihren Geschichten auf etwas aufmerksam zu machen, ihnen weiter zu helfen oder zum Nachdenken anregen zu können. In jedem Fall bedarf es, aus meiner Sicht, eine sensible Herangehensweise der Filmemacher, eine besondere Lebensgeschichte zu erkennen und diese Personen dazuzu bewegen, ihr Leben der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dafür ist es hilfreich, wenn der Filmemacher eine Vertrauensbasis schafft, die den Hauptdarstellern versichert, dass ihre Lebensgeschichten nicht verzerrt dargestellt werden. Dies erfordert eine intensive und wertschätzende Haltung des Filmemachers mit seinen Darstellern. Das wird ein Grund dafür sein, dass viele Dokumentarfilme einen sehr langen Arbeitsprozess hinter sich haben.

Die Menschen und ihre Lebensgeschichten die wir in einigen der
Dokumentarfilme auf dem Festival sehen konnten, lassen sich gut mit der Fabel in Verbindung bringen, die ich vom Festival mitnehmen konnte. Sie taucht in dem Dokumentarfilm von Gerd Kroske „Kehraus, wieder“ auf:

Taucht man einen Frosch in einen Topf mit heißem Wasser, so sucht er wie rasend das Gefäß zu verlassen. Setzt man ihn jedoch in kaltes Wasser, welches nun langsam erhitzt wird, so lässt sich das Tier zu Tode kochen, ohne dass es sich besonders dagegen wehren würde.

Bei der Recherche nach dieser Fabel viel mir eine weitere Fabel in die Hand, die mir rückblickend auf das Festival sehr passend erschien:

Es war einmal ein Wettlauf der Frösche. Das Ziel war es, auf den höchsten Punkt eines großen Turms zu gelangen. Es versammelten sich viele andere Frösche, um zuzusehen und ihre Artgenossen anzufeuern. Der Wettlauf begann. In Wirklichkeit glaubte keiner von den Zuschauern daran, dass auch nur ein Frosch auf die Spitze des Turmes gelangen könnte, und alles was man hörte, waren Sätze wie: “Die Armen, sie werden es nie schaffen!” Die Frösche begannen einer nach dem anderen aufzugeben, außer einem, der weiterhin versuchte, auf die Spitze des Turmes zu klettern. Die Zuschauer fuhren fort zu sagen: “Die Armen! Sie werden es nie schaffen!” Die Frösche gaben sich geschlagen, außer dem einen Dickschädel, der nicht aufgab. Endlich hatten alle Frösche ihr Vorhaben abgebrochen, nur jener Frosch hatte alleine und unter großer Anstrengung die Spitze des Turmes erreicht. Die anderen wollten von ihm wissen, wie er das geschafft hatte. Ein Frosch näherte sich ihm, um zu fragen, wie er es geschafft hätte, den Wettlauf zu gewinnen. Da merkten sie, dass er taub war.

Der “unkommerzielle” Dokumenatrfilm muss in der heutigen Zeit sehr für sein Bestehen kämpfen. Ich wünsche mir, dass die Filmemacher dieser Dokumentationen in diesem Sinne taub bleiben, sich nicht beirren lassen, so wie der Frosch in der Fabel („Wenn allerdings Formatisierung, Serialisierung und ein zu opportuner Blick auf den Kassenerfolg den Dokumentarfilm zu sterilisieren drohen, ist Anlass zur Sorge[...]”). Denn trotz der Massenmedien und ihrer medialen Entwicklung, ist diese Art von
Dokumentarfilm aus meiner Sicht ein wichtiges kulturelles Element, das in unserer Gesellschaft zu neuen Sichtweisen beiträgt. Deshalb sind solche Filmfestivals wie in Duisburg ein wichtiges Ereignis, um den Dokumentarfilm mehr Präsens einzuräumen.

Alle Zitate beziehen sich auf die Homepage der Duisburger Filmwoche:
www.duisburger-filmwoche.de Fabel

  • 1:http://www.blueprints.de/artikel/einstellung/verhalten/die-fabel-vom-frosch.html Fabel
  • 2:http://www.mathematik.uni-marburg.de/~niederl/1fr01.html
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