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Il Cinema Ritrovato 2008

Bologna, Filme, Exkursionen

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Vom 28. Juni bis zum 5. Juli fand in Bologna zum 22. Mal das Film-Festival Il Cinema Ritrovato statt. Studierende der Medienwissenschaften Braunschweig waren im Rahmen einer Exkursion vor Ort und haben ihre Eindrücke niedergeschrieben.

„Dry Summer“ in Bologna

Das Wetter in Bologna war heiß und trocken. Es waren sicherlich 7 Tage eines trockenen italienischen Sommers. Allerdings kann man es nicht mit dem türkischen Sommer aus dem Jahre 1964 vergleichen…
Der Beweis dafür war der Film „Susuz yaz“ („Dry Summer“) von Metin Erksan. Der Film bekam im Jahre 1964 einen Goldenen Bären und war Oscar Kandidat. In diesem Jahr lief er als ein wiedergefundenes Werk auf dem Festival in Bologna.
Man könnte fragen, welche hervorragende Qualität der Film hat, wenn er von der Fülle der weltweiten Kinematographie restauriert und vom dem Festivalveranstalter gewählt wurde. Die Antwort ist nach der Filmbesichtigung klar.
Das Wasser war für die filmischen Bauern, die sich mit dem Tabakbau beschäftigten, unentbehrlich. Es bedeutete so viel, wie die Ehre oder die Frau. Der Film erzählt die Geschichte von Osman, der sich gegen das ganze Dorf stellt, indem er Wasser, das von seinem Feld herabfließt, niemanden anderen zu nutzen erlaubt. Er baut eine Sperre, die dann zum Blutvergießen führt. Hinter dieser scheinbaren Haupthandlung, ist aber auch die andere relevante Handlung verborgen – Der Film erzählt die Geschichte des brüderlichen Neid um eine Frau eines Bruders.
Die Qualität des Films ist aber nicht nur auf der Handlungsebene zu suchen. Ebenso ist die Ästhetik des Films ausgezeichnet. Die faszinierenden Aufnahmen, sowie die Orientale Musik schaffen eine einzigartige filmische Realität, von der man sich keineswegs befreien will.
Es war ein faszinierendes Erlebnis. Ein sehr guter Film!

Przemyslaw Suwart und Anna Warchalowska

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Wie ich zum Fan wurde

Was allgemein bekannt ist: Marlene Dietrich ist eine Legende. Aber warum dies so ist konnte ich dieses Jahr in Bologna endlich hautnah erfahren. Für Joseph von Sternberg wurde hier und in diesem Jahr als einem der wichtigsten Meilenstein-Regisseure viel Platz und Licht auf der Leinwand gewidmet, und er hat ihr den Weg dahin geschaffen. Und so weiß ich auch jetzt noch nicht, ist es ihre fast schon minimalistische Art mit ihrem Hut und den Männern zu spielen und ihr sehr spezielles Englisch mit deutschem Akzent (“jo betta gou nau” sagt sie bestimmt in jedem Film zu einem Mann) oder doch mehr das Genie ihres Regisseurs. Denn der ist ein virtuoser Maler auf der Kinoleinwand, der mit Licht und Schatten (besonderes Highlight die betenden Marokkaner in Morocco, die sich in weißen Kaftanen unter dem Schatten einer Pergola bewegen und damit eine faszinierende Bewegung in diese Szene bringen), genialen Kulissen (The Scarlet Empress musst Du gesehen haben, das russische Zarenreich und orthodoxe Kirche als Groteske – so erst später wieder bei Monty Python gesehen), Kamerafahrten, Bildkompositionen, Detailverliebtheit und eigentlich allem was ein Regisseur noch tun kann um seine Augenweiden zu komponieren… Und jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht zu einem der rückwärts gerichteten Antik-Cineasten werde, denn ich bin sicher, irgendwann kommt auch noch mal ein guter Film im Cinamaxx.

Klaus

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Bolognese in Bologna

Attenzione: Die täglichen 34°, die einem schon direkt nach dem Duschen die Schweißperlen auf die Stirn trieben, und die anfängliche beengte Wohnsituation in unserem ‚Hostel a Bologna’ drückten wirklich aufs Gemüt – trotz bereitgestelltem Kühlschrank. Umso lieber hielt man sich im ‚meist’ klimatisierten Kino mit anderen Filminteressierten oder den Cinephilen auf (gerade letztere besaßen oft noch mal ihren eigenen Unterhaltungswert…). Aber es wäre völlig falsch, entstünde hier der Eindruck, der Besuch diente nur zur Erfrischung an gekühlter Luft. Es lockten mal interessante, witzige, berührende, faszinierende, herausfordernde, lächerliche … Filme. Zu unseren persönlichen Favoriten gehört – pscht! – Blackmail. Da wir vermutlich nicht die einzigen sind, sicher nicht die kreativste Wahl. Dennoch: Das Erlebnis, auf der Piazza – unter freiem Himmel – einen Film zu sehen mit ergreifender Orchesterbegleitung, ist einfach so schön plakativ exemplarisch dafür, welch tolle Erfahrungen man bei diesem „Cinema Ritrovato“ machen kann. Auch jenseits des Festivals: Wir kamen in den Genuss des sehr politischen aber euphorischen Christopher Street Day am Tag unserer Ankunft, des unglaublich leckeren selbstgemachten ‚Gelati’ in jeder nur vorstellbaren Geschmacksrichtung an fast jedem Tag und zweimal italienischer Pizza mit Frau Klippel mit standesgemäßem Digestif: Limoncello für die Mädchen – Grappa für die Jungs. Für uns persönlich gab es noch ein weiteres Highlight: Wir haben uns kennen gelernt. Mille Grazie.

Jasmin, Toni und Jenny

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leise aber eindringlich

“Bad day at black rock” zählte zu meinen beeindruckendsten Filmerlebnissen. Ein Western, der zwischendurch zum Kammerspiel mutierte. Auf das Wesentlich reduziert, konnte sich seine unglaubliche Wirkung gerade im Cinemascop Format uneingeschränkt entfalten. Was zuerst langweilig daherkam, hat sich im Laufe des Films zu einer immer fesselnderenden Story entwickelt. Da zählte jedes Detail und jede Kleinigkeit. Jede der wenigen Personen hatte ihre Rolle zu erfüllen und das auch mit Bravour getan. Allen voran der einarmige Fremde, der so unerwartet und unwillkommen im 20-Seelen Kaff mitten in der Wüste auftaucht. Während seines kurzen Aufenthalts deckt er das dunkle Dorfgeheimnis quasi nebenbei auf und verschwindet so schnell wieder, wie er gekommen ist. Das allerdings auf beeindruckende Weise. Leise aber eindringlich würde ich den Film nennen, der es locker mit heutigen actiongeladenen Blockbustern aufnehmen kann. Neben den Kinoerlebnissen kam auch der Spaßfaktor nicht zu kurz. Wobei auch filmisch spätestens Chaplin wohl allen von uns ein Lachen aufs Gesicht gezaubert hat. Und die Stadt mit ihren kleinen Gässchen, die ungewöhnlich gekleideten Bewohner, die Hitze wie die abendliche Kühle und die handlichen 0,6l Flaschen kühles Erfrischungsgetränk haben ihr Übriges getan, um die Exkursion zu einem vollen Erfolg werden zu lassen.

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Bologneser Impressionen

Nach Abladen des Gepäcks mit leicht gewöhnungsbedürftiger Zimmerverteilung in einer frappierend altertümlich möblierten Etagenwohnung und erfolgreicher Bewältigung der Christopher Street Parade, die sich über das vorgelagerte Rondell ergießt, schweißtriefend auf in´s Gewühl! Eine Woche Bologna,eine Woche alte und restaurierte Filme nonstop, z. T. mit Live-Musik, verteilt auf mehrere Kinos und – als allabendliches Highlight – open air auf der Piazza Maggiore mit Großbildleinwand. Eine Woche Hitze, Eis, Durst, aufgequollene Füße, Kaffeegenuss und italienisches Flair! Bunte Mosaikböden unter ellenlangen Arkaden, gleich nebenan das laute Getöse der Hauptstraßen zwischen hoch aufragenden Häuserfluchten mit grazilen Balkonen, schiefe Türme, Brunnen, Kopfsteinpflaster, malerische Türklopfer und schmiedeeiserne Verzierungen. Das Kinoprogramm bietet u.a. kleine Auflockerungen durh das Suffragettenprogramm, kurze Filmschnipsel für die Lachmuskeln, mit frecher Mimik und Gestik und unglaublichen Einfällen! Unter den diversen von-Sternberg-Filmen beeindruckt mich besonders “The Scarlet Empress” von 1934 mit Marlene Dietrich als Katherina die Große: `mal ganz anders als in ihren sonstigen Auftritten hier als naiv verschüchtertes, dem russischen Hof gnadenlos ausgeliefertes Prinzesschen, das unter dem Donnerknall der zukünftigen Schwiegermutter zusammenzuckt und, sichtlich desillusioniert von ihrem – durch den knackig feurigen russischen Gesandten in höchsten Tönen angepriesenen, tatsächlich aber nur debil glotzenden – Gatten, dem Auftrag zur Lieferung eines respektablen Nachkömmlings dann auf seine Art Folge leistet…Faszinierend das Spektakel an Überblendungen, Kameraführung, unterschiedlichsten, rasant wechselnden Blickwinkeln, verstärkt durch die stark überzeichneten hämisch-zynischen Charakterfigurinen (Skulpturen),die sich bedachtsam in´s Bühnenbild schieben und das höchst emotionale Geschehen akzentuieren. Schön wäre noch ein unmittelbarer Einblick in die Filmrestaurierung gewesen und eine klitzekleine Verlängerung für einen Abstecher in die nähere Umgebung. Alles in allem: anstrengend, aber wiederholungswürdig!

Gudrun

Zwischen Kino, Keksen und Auratischen Begegnungen

Italien, genauer Bologna, ist eine Reise wert. Das Cinema Ritrovato 2008 setzte zwar den Rahmen und das Ziel unserer Reise, dennoch war es mehr als eine Reise von einem Ort zu einem anderen. Mehr als eine raum-zeitliche Beziehung. Berichten wir von einer individuellen Reise, die jeder an sich vollzog, anders erlebte, genoss oder sich an etwas stieß.
Veränderung. Das wahre Interdisziplinäre findet in der Anwendung, in der praktischen Umsetzung statt. So gesehen, findet das eigentliche Studium direkt am Objekt statt, im Austausch, im Versuch, in Eigenregie gilt es aktiv, erworbene theoretische Grundlagen und Erkenntnisse im Vergleich mit der Gegenwart, der „Wirklichkeit“ auf die Probe zu stellen. Kekse können dabei eine marginale, auf dem Weg zu neuen Eindrücken nicht mindere Rolle einnehmen. Etwa dann, wenn man an einem sonnigen Tag im Herzen Bolognas in einem Park sitzend und einer lebendig geführten Diskussion sich über das soeben Gesehene austauscht, von für die meisten von uns unverständlichen Wortlauten unterbrochen und herausgerissen wird. Quell der Unterbrechung ist ein Stereotyp wirkender, wild gestikulierender Eingeborener, der uns begreifbar machen will, dass es ihm weder um Filme mit Marlene Dietrich dürstet, noch seine Absicht darin besteht uns Drogen verkaufen zu wollen. Nix Mafia. Existentielle Fragen nagen ihn, wird allen klar, als er mit dem Finger auf „eine Hand voller Kekse“ zeigt. Noch im Nachbild mit den Bildern und der Sprache beschäftigt, die man so eben erlebt hat, befindet sich der eigene Körper bereits im nächsten, angenehm klimatisierten Kino. Mit einer dieser leckeren, italienischen Kaffeearten ausgestattet, im Kinosessel versinkend, auf Bilder wartend oder bereits sehend, die uns aus einer filmischen Vergangenheit erreichen. Bilder, die uns verzücken, erstaunen, lachen oder einfach genießen lassen. Und da ist noch mehr. Es ist, als wäre alles schon einmal da gewesen, alles kehrt wieder, alles dreht sich. Strudel, mitgerissen, sitzt man da und weiß; ja, die Erde dreht sich doch. Es sind kleine Nuancen, die wach halten, aufmerksam machen. Eine Transformation setzt ein, das auratische Erleben, wie man es sich in etwa bei Walter Benjamin vorstellen mag, ergreift einen; auch wenn es überflüssig scheint, dafür eine Begrifflichkeit bedienen zu müssen. Egal. Der Verstand funktioniert. Die Seele pocht, das Herz beflügelt. Man spürt es, ich spüre es und stelle fest, dass genau das es ist, was mit Abstand den größten Unterschied zum monotonen Alltag der Uni ausmacht. Das eigene Funktionieren im gewohnten Rahmen ist mit dieser Reise erneut aufgebrochen worden Man sollte jedes Semester die Zeit aufbringen, auf eine Exkursion zu fahren. Wer sagt, dass Studieren kein Spaß machen kann?

Micha

Campus